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9. August 2009 7 09 /08 /August /2009 15:30


Tag täglich sieht man sie auf der Straße, im Freundeskreis oder in den Medien - Liebespaare. Glücklich oder unglücklich ist die Frage. Wenn die Paare ein schweres Schicksal erleiden mussten oder aus verschiedenen Kulturen stammen, ist die Beziehung von vornherein zum scheitern verurteilt. Doch falls die beiden Partner noch mehrere Lebensjahre trennen ist es regelrecht obszön und falsch.

Woher kommt diese Denkweise? 

Seit einiger Zeit beschäftige ich mich nun mit Bernhard Schlinks Bestseller "Der Vorleser", in welchem ein Jugendlicher eine körperliche und geistige Beziehung mit einer Frau eingeht, welche seine Mutter hätte sein können. Zunächst erscheint es abstoßend und pervers, doch was möchte der Autor mit genau diesen Charakteren vermitteln? Wie kann man es interpretieren? Ein Roman, welcher den zweiten Weltkrieg und die Nachkriegszeit zum Thema hat, bräuchte keine solchen Altersgegensätze um wirklich gut zu sein.
In der heutigen Gesellschaft, zu welcher ich auch die Zeit der Veröffentlichung (1999) des ach so grandiosen Buches mit einbeziehe, ist eine Beziehung, in welcher die Partner wohlmöglich zwei Jahrzehnte trennen verpönt. Das geht nicht, das darf nicht, das erweckt mehr aufsehen und ermöglicht einen guten Buchverkauf. Ist die Gesellschaft nur noch auf Profit aus? 

Eine solche Beziehung wird meist durch äußere Kritik zum scheitern verurteilt. Selber kennt man es aus der Kindheit und Jugend, ältere Bekannte und Freunde oder gar Lebenspartner hat man einfach nicht. Der Interessenkonflikt würde früher oder später so groß, dass dies nur schmerzhaft und sehr negativ endet. Das kann und darf keine Liebe sein.

Ob es unmoralisch sei, sich an einem jüngeren Partner zu "vergehen" und ihn zu lieben? Das kann ich nicht pauschal beantworten, dies muss jeder selber für sich herausfinden, wie er zu diesem Thema steht. Wenn jedoch zwei erwachsene Menschen zueinander finden, sollte man dies nicht nur aufgrund eigener Moralvorstellungen verurteilen, sondern dies hinterfragen und sich bewusst werden ob wirklich ein Abhängigkeitsverhältnis vorhanden ist oder es einfach ein "normales" Paar ist, welches die Zweisamkeit genießen möchte.

"Die Frau versucht doch nur ihren Vater zu ersetzen" - Liebende versuchen nicht etwas zu kompensieren, sondern sich als gleichwertige Partner zu behandeln und dies auch zu leben. Es geht nicht darum den anderen auf den richtigen Lebensweg zu führen, für ihn Entscheidungen zu treffen, selber ein Macht- oder Führsorgebedürfniss auszuleben oder gar ihm aufgrund einer vorhandenen Karriere zu finanzieren, nein es handelt sich schlicht und einfach um die wahre Liebe. Dies ist natürlich leichter gesagt als getan, doch wohl realistisch und weit verbreitet.

Durch eigene Erlebnisse mit solchen Beziehungen, sowohl bei mir selbst als auch im Freundeskreis bin ich zu der Erkenntnis gekommen, dass dieses Thema immer noch so provozierend und faszinierend zu gleich ist, dass Medien dies als großen Aufhänger benutzen, nur um sich einen Wettbewerbsvorteil zu schaffen. Die Beziehung der beiden Charaktere bei "Der Vorleser" ist für mich rein fiktiv und allein wegen dem ungewöhnlichen Altersunterschied von gut 15 Jahren überzogen, unrealistisch. Würde dies eine wahre Geschichte sein, wäre es meiner Meinung nach moralisch falsch, da zwar beide Personen aus freiem Willen handeln, jedoch der jüngere Partner nicht reif genug ist diese Beziehung zu interpretieren und zu verstehen. Zumal sich eigene Vorstellungen von Partnerschaft lange nach der Pubertät entwickeln und wachsen.


Zum Buch -  Der Vorleser

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Published by kreative-literatur - in Allgemein
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